Sachverhalte zu visualisieren, um dem Betrachter ein leichteres, einprägsames Verständnis von Daten, Informationen und Zusammenhängen zu geben, ist keineswegs eine Entdeckung der Moderne noch ein Trend. Die Menschheit visualisiert schon seit der frühen Antike. Es ist das Mittel, dass dem Menschen neben der Sprache und Gestik zur Verfügung steht, um zu kommunizieren. Schrift ist letztlich auch nichts anderes als eine Form von Visualisierung, die es Ihnen ermöglicht, dieses Buch zu lesen.

Die Abbildung zeigt eine Wandmalerei, die bei archäologischen Grabungen in der Türkei gefunden und 1964 von James Mellart veröffentlicht wurde. Laut Mellart und vielen Kartografen ist dies das erste kartografische Zeugnis. Es soll in der Mitte ein Vulkan zu sehen sein und um diesem herum verschiedene Häuser. Einige Interpretationen gehen soweit, dass die nicht bemalten Felder die Zimmer seien. Das ist aber heftig in der Wissenschaft umstritten. Das Besondere ist, dass hier erstmals die Vogelperspektive eingenommen wurde, um eine Siedlung zu visualisieren. Wir möchten an dieser Stelle keine historische Debatte lostreten. Aber der Vollständigkeit halber erwähnt sei, dass einige Betrachter, genauer gesagt Historiker, keine Karte sehen. Der Vulkan wird als Leopardenfell interpretiert, der anderen vor Ort gefundenen Wandmalereien verdächtig ähnelt. Ob der Wunsch, eine Karte aus dem Jahr 6200 v.Chr. entdeckt zu haben, die Wahrnehmung des Betrachters lenkt, kann nicht abschließend geklärt werden. Jedoch bleibt festzuhalten, dass man Karten aus der Vogelperspektive erst wieder tausende von Jahren später gefunden hat.

Ebenso verwirrend wie die Darstellung der Planetenbahnen in der Abbildung wirkt, ist auch die Geschichte um diese Visualisierung. Der Verfasser ist unbekannt und das Jahr kann auch nicht genau bestimmt werden. Eine gängige Variante ist 950. Die vertikale Achse, mit der Beschriftung und Visualisierung von sieben Himmelskörpern (Venus, Merkur, Saturn, Sonne, Mars und Mond) zeigt ihre Bewegung abhängig von der Zeit, die die horizontale Achse bildet.
Die Visualisierung sticht in der Historie besonders hervor, da sie die einzige ihrer Zeit ist. Erst 800 Jahre später finden sich vergleichbare Diagramme, die eine Zeitreihe zeigen und Züge eines Koordinatensystems. Daran erinnern zumindest die 30 Intervalle in Form von Kästen. Ob Interpolation – also bewusste oder unbewusste Manipulation durch Überlieferung – vorliegt oder es mehrere Visualisierungen dieser Art gibt, die das Mittelalter nicht überliefert hat, kann an dieser Stelle nicht genauer erörtert werden. Festzuhalten bleibt, dass die dort dargestellten Verläufe der Himmelskörper nicht annähernd unserem heutigen Verständnis entsprechen und vergleichbare Zeitreihen und die Rastertechnik erst in der Neuzeit wieder auftauchen.
Ansonsten sind die Visualisierungen im Mittelalter und der Antike stark durch die Kartographie geprägt. Viele Landkarten entstanden in dieser Zeit. Aber auch Illustrationen, die das geschriebene Wort verdeutlichen sollen. Ein prominentes Beispiel hierfür ist der Sachsenspiegel, der als ältestes Rechtsbuch des Mittelalters gilt.

Die Visualisierungen zeigen wie die Wahl des Königs vorzugehen hat. Sie zeigen bspw. wie viele Geistliche bei der Wahl zugegen sein müssen und welche Adligen noch teilnehmen müssen für eine legitime Wahl. Die Vorgehensweise, Text und Visualisierungen zu kombinieren, ist eine Methode, die derzeit vor allem im Journalismus sehr beliebt ist. Magazine und Tageszeitungen sind voll von Infografiken. Diese sollen dem Leser eine visuelle Stütze geben, um das geschriebene Wort zu verstehen. Während es Eike von Repgow sicherlich in erster Linie darum ging, Informationen zu vermitteln, geht es vielen Journalisten eher darum, die Zeitung ästhetisch ansprechend zu gestalten. Die oft zu hörende Interpretation, dass der Grund für die Visualisierungen der fehlenden Lesefähigkeit im Mittelalter geschuldet sei, wird hier nicht geteilt. Schließlich richtete sich der Sachsenspiegel, der als Rechtsbuch gesehen wurde, gerade an die obere Schicht, in der sich die Geistlichen tummelten, die allesamt lesen konnten.

Abschließend für die Epochen Antike und Mittelalter sei Bischof Nikolaus von Oresme hier vorgestellt. Der in seinem Werk „Tractatus De Latitudinibus Formarum“ Dinge visualisiert, die verdächtig an Balkendiagramme erinnern. Michael Friendly geht sogar so weit und nennt diese „proto bar graph“ . Die Interpretation der Visualisierungen ist allerdings sehr schwierig. Dargestellt werden physikalische Variablen in Abhän-gigkeit zueinander, allerdings bleibt die Datenbasis dabei völlig unklar. Bemerkt sei an dieser Stelle, dass die Erfassung von empirischen Daten bis ins 16. Jahrhundert unbekannt war. Oresme erklärt diese Prototypen von Balkendiagrammen auch nicht im Text oder geht mittels Bildunterschriften besonders darauf ein. Er zitiert allerdings in dem Werk antike Philosophen wie Aristoteles. Ob der Bischof vielleicht Formen von Diagrammen bei Ihnen gesehen hat, um diese dann abzumalen, kann nur spekuliert werden. Denn wir finden in denen uns überlieferten antiken Quellen keinerlei Balkendiagramme.

Autoren: Andreas Wiener, Kai-Uwe Stahl