Die in der Abbildung gezeigte Darstellung gilt als die erste bekannte statistische Visualisierung. Michael Florent van Langren präsentierte jene 1644 am spanischen Hof. Gezeigt hat er Entfernungen Roms zum Nullmeridian, den seinerzeit Toledo bildete. Diese Visualisierung verdient allerdings nicht nur Beachtung, weil sie die erste ihre Art ist, sondern auch wegen eines anderen Merkmals.

Er setzt seine eigene Schätzung in den Vergleich der zwölf anderen bekannten Schätzungen, in dem er die Namen der Schätzer einträgt. Er wählte einen Graphen, um dies zu verdeutlichen.Er entschied sich nicht für eine tabellarische Form, die ihm sicherlich vorlag und die Datenbasis. Ihm musste somit klar gewesen sein, dass die großen Abweichungen bei der Bestimmung der Längengrade visuell leichter für den Betrachter zu erfassen waren als in Tabellen.

Als Gründungsjahr der modernen Visualisierung von Daten wird allerdings das Jahr 1786 genannt und nicht 1644. William Playfair veröffentlichte seinen “Commercial and Political Atlas“, in dem sich zahlreiche Diagramme finden. Unter anderem gilt er als Erfinder des Balken-, Säulen-, Linien- und Kreisdiagramms in den Formen, wie diese heute auch genutzt werden. Mit Hilfe dieser Diagramme stellte er u.a. Bevölkerung und Einkommen in den europäischen Staaten dar. Warum er diese Art zu visualisieren wählte, beschreibt er in seinem Standardwerk „Statistical breviary“ aus dem Jahr 1801 mit folgenden Worten:

“I have composed the following work upon the principle which I speak; this, however, I never should have thought of doing, had it not occurred to me, that making an appeal to the eye when proportion and magnitude are concerned, is the best and readiest method of conveying a distinct idea.”

Diese Abbildung zeigt die Englische Handelsbilanz mit Dänemark und Norwegen in dem Zeitraum 1700-1780. Sehr schnell erkennt der Betrachter, dass zwischen 1750-1760 Exporte nach Dänemark und Norwegen gestiegen sind und die Importe von dann an übertrafen. Im Diagramm nimmt Playfair zudem eine Wertung vor, indem er das Verhältnis Importe und Exporte nach Dänemark und Norwegen als schlecht („against“) bzw. vorteilhaft („favour“) für England wertet. Eine Methode, die leider in modernen Geschäftsdiagrammen selten genutzt wird. Das Diagramm wirkt umso beeindruckender, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Playfair im 19. Jhd. nicht die technischen Hilfsmittel zur Verfügung hatte, die heute genutzt werden können. Vor allem was die Genauigkeit des Dargestellten angeht, sind seine Diagramme eindrucksvoll.

So wie William Playfair als Erfinder der modernen Diagrammarten gilt, so gilt John Snow (1813-1858) als Ersteller der ersten räumlichen bzw. geografischen Analyse. Mitte des 19. Jhd. kam es im Stadtteil Soho in London zu einem massiven Anstieg von Cholerafällen. In nur drei Tagen starben daran mehr als 120 Menschen. John Snow war zu dieser Zeit praktizierender Arzt in London und ging auf Ursachenforschung. Er zeichnete die Orte auf einer Karte ein, wo die Menschen verstorben waren.

Diese Todesfälle zeichnete er mittels Strichen parallel zur Straße ein. In der Abbildung fügen jene sich visuell zu Balken zusammen. Eine detaillierte und interaktive Karte auf der die einzelnen Striche und somit die einzelnen Todesfälle zu erkennen sind findet sich im Internet. Zudem zeichnete er die Pumpen, die für die Londoner Wasserversorgung zuständig waren, als Kreise auf die Karte. Dadurch erkennt der Betrachter, dass sich die Todesfälle um die Broad Street häuften, verglichen mit dem restlichen analysierten Gebiet. Als Ursache konnte Snow so die Pumpe in der Broad Street benennen und ließ sie austauschen. Das bedeutetedas Ende der Cholera-Epidemie in London.

Die Leistung von Snow ist umso beachtlicher, wenn man weiß, dass die bis dahin geltende Lehrmeinung war, dass Cholera sich durch Miasmen (üble Dünste) von Mensch zu Mensch übertrug. In der gängigen Literatur zum Thema Visualisierung wird diese Karte oft gezeigt und so getan, als hätte Snow nach der Ursache der Cholera geforscht, die Karte angefertigt und entdeckt, dass verunreinigtes Wasser Cholera über-trägt. Dies war nicht der Fall. Snow hat im Vorfeld diesen Zusammenhang immer wieder proklamiert und die Hypothese geäußert. Die Karte diente dann eher als Beweis, dass er mit seiner Vermutung richtig gelegen haben könnte. Das soll allerdings die visuelle Versiertheit des Arztes aus London keinesfalls schmälern.

Über diese Abbildung sagt Edward Tufte in seinem Standardwerk „The Visual Display of Quantitative Information“: „It may well be the best statistical graphic ever drawn.“

Seitdem kommen fast kein Buch und kaum ein Vortrag zum Thema Visualisierung ohne diese Darstellung aus. Doch warum bekommt Charles Minard posthum solch ein Kompliment und warum wird dieser visualisierte Feldzug als so wichtig erachtet? Der Grund ist die sehr hohe Informationsdichte. Der Ausspruch „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ ist hier sehr treffend.

Zu sehen ist Napoleons katastrophal endender Russlandfeldzug 1812-1813, zwei Jahre bevor er sein sprichwörtliches Waterloo erlebte. Die helle Fläche bzw. Linie zeigt die Truppenstärke Napoleons beim Angriff die schwarze Fläche bzw. Linie zeigt jene beim Rückzug. Die Größe gibt dabei die Truppenstärke an und der Betrachter erkennt wo Hilfstruppen hinzukamen. 1812 startete Napoleon mit 422.000 Mann in Kowno von denen nur 100.000 in Moskau ankamen. Der Verlauf der Flächen zeigt den Weg der Truppen, den sie beim Angriff wählten und beim Rückzug. Zudem sieht man unterhalb den Temperaturverlauf und die sehr niedrigen Gradzahlen. Zudem ist beispielsweise zu erkennen, dass die Entscheidung während des Rückzugs den Weg über den Fluss Berezina zu wählen die Truppenstärke halbierte.

Zusammengefasst hat es Charles Minard Mitte des 19. Jhd. geschafft, eine Grafik zu erstellen, die Aufschluss über die Stärke der Truppe, ihre Marschrichtung sowie ihren geografischen Weg gibt, wann sie zu welchem Zeitpunkt war und welche Temperatur es hatte. Die Forderung nach einer hohen Informationsdichte – wie es heutige Information Designer immer wieder auch für die Geschäftswelt fordern – ist in diesem Beispiel voll erfüllt. Diesen bereitgestellten Informationsgehalt in einem Text oder tabellarisch darzustellen, würde etliche Seiten Papier verschlingen.

Willard C. Brinton wird in der Geschichte der Visualisierung nur selten ein Platz eingeräumt. Liest man das Buch „Graphic Methods for Presenting Facts“ scheint dieses umso erstaunlicher. Willard C. Brinton ist der erste Information Designer. Er gibt in seinem 371-seitigen Werk Empfehlungen für gutes Information Design und beschreibt ausführlich Vor- und Nachteile von Diagrammen. Zudem gibt er Empfehlungen welchem Diagramm der Vorzug vor einem anderen gegeben werden soll, um eine Botschaft zu vermitteln. So schreibt er: „Horizontal bars have all the advantages of circles with none of the disadvantages”

Gerüchten zufolge fand sich das Buch von Willard C. Brinton in dem Nachlass von Otto Neurath und soll diesen maßgeblich bei seinen Werken beeinflusst haben. Otto Neurath war österreichischer Philosoph und hat zusammen mit dem Grafiker Gerd Arntz ISOTYPE (International System of Typographic Picture Education) entworfen. Stellvertretend für die Vielzahl an Visualisierungen (eine Kombination von Diagrammen und Piktogrammen) soll hier gezeigt werden.

Die Ziele der Regeln von ISOTYPE sind, dass offensichtliche Unterschiede sofort ins Auge fallen und das Wichtigste auf den ersten Blick deutlich wird. Die Methode ist, dass nicht nur Zahlen und Daten illustriert werden, sondern auch Zeichen, die unmittelbar zum Bezeichneten stehen. So sind in der Abbildung die Geburten als Säuglinge und die Sterbefälle als Särge dargestellt. Weitere Forderungen sind dieselben Zeichen für dieselben Dinge zu verwenden und eine höhere Quantität durch eine höhere Anzahl von Zeichen bzw. Symbolen darzustellen und nicht etwa durch größere. Dieser Ansatz geht auf Willard Brinton zurück. Der hohe Grad an der geforderten Standardisierung erinnert sehr stark an heute aktuelle und erfolgreiche Konzepte wie SUCCESS von Rolf Hichert.

Bevor wir zur modernen Visualisierung kommen, sei hier noch die weltweit bekannte Karte von Harry Beck angesprochen. Sie zeigt den Londoner Underground, welcher in dieser Abbildung als Skizze zu sehen ist. Sind die Information Designer, allen voran Edward Tufte noch voll des Lobes bei Charles Minards Napoleon Map, dass er versucht die geographischen Gegebenheiten exakt in seiner Visualisierung aufzuzeigen, verhält es sich hier anders. Der Verzicht auf geographische Genauigkeit macht den Reiz aus. Harry Beck gab Einfachheit und Konzentration auf das Wesentliche den Vorzug. Er selbst soll gesagt haben:

„If you’re going underground, why do you need bother about geography?”

Autoren: Andreas Wiener, Kai-Uwe Stahl